Wir erleben dieser Tage wieder einmal die unglaubliche Geschwindigkeit einer Meinungsbildung im Netz – und da schließe ich mich durchaus mit ein. Mal gefällt uns diese Strömung, mal nicht. Eines ist jedoch sicher, die Bewegung der Netzpolitik lässt sich nicht mehr umkehren.
Waren wir bei Plattformen wie Wikileaks zu Beginn noch schockiert, bei Winnenden zutiefst beschämt und rieben uns über die Gemeinschaftsfleißarbeit GuttenPlag die Augen, so hat uns spätestens der Arabische Frühling gezeigt, wie mächtig das Netz mittlerweile geworden ist. Zuletzt war ich selbst noch einmal ziemlich überrascht, zu welchen Stilblüten dies führen kann, wenn Internetaktivisten von Anonymous sich gegen mexikanische Drogenbarone oder gar die amerikanische Regierung wenden.
Wir haben es mit einer neuen Form von Informationsaustausch und -bildung zu tun. Es ist ein Phänomen von Schwarmintelligenz zu dem alle ihren Beitrag liefern können. Gleichzeitig bewegen wir uns im Internet meines Erachtens aber auch in einer Art “Netzaristokratie”, deren Meinungsführer Schneeballeffekte ungeahnter Außenwirkung starten können. Waren bis vor kurzem noch “die Medien” als vierte Staatsgewalt bezeichnet worden, so müsste das Web 2.0 (3.0, 4.0) mittlerweile als 5. Staatsgewalt ausgerufen werden.
Bereitet mir diese Bewegung Angst? Nein, aber es muss einem klar sein, dass sie keinen demokratischen Grundregeln folgt und sich in jedem Moment auch gegen einen selbst richten kann, wie die “Twitter-Fatwa” gegen den Blogger Hamza Kashgari aktuell wieder zeigt. In Deutschland finden wir uns gerade in einem Meinungsaustausch über die Person des neuen Bundespräsidenten. Mit der Heftigkeit dieser Reaktion hat wohl niemand in der Bundesregierung gerechnet, handelte es sich doch scheinbar um DEN Wunschkandidaten des Volkes. Letzteres muss trotz der Diskussion nach wie vor nicht falsch sein – und auch da schließe ich mich mit ein. Dennoch ist es deutlich schwieriger geworden, notwendige Aussprachen einfach unter den Teppich zu kehren, und das ist auch gut so.